Neuronal optimierter Lernprozess – in sechs Schritten zum Lernerfolg

In den Neurowissenschaften spricht man von Lernerfolg, wenn wir neuronale Plastizität erreichen. Es geht also um die langfristig stabile strukturelle Veränderung von Gehirnnetzwerken. Um Lernen optimal zu fördern, gibt es neuronale Schlüsselkonzepte für eben diese Veränderung im Gehirn.

 

Schlüssel Nr. 1 – Use it or lose it

 

Nervenzellen müssen benutzt werden um erhalten zu bleiben. Wollen wir z.B. zum Beispiel eine Sprache lernen, müssen wir diese regelmäßig anwenden. Tun wir das nicht, dann verwendet unser Hirn eben diese neuronalen Schaltkreise irgendwann für andere Aufgaben. Unsere  „Vokabel-Zellen“ werden dann plötzlich zu Parkplätzen ganz anderer Informationen.

 

Schlüssel Nr. 2 – Use it and improve it

 

Die wohl beste Nachricht, die uns die Neurowissenschaften in der Neuzeit liefern: Auch wenn ich noch unkonzentriert und ohne gefühltes Vorankommen im Thema anfange zu lernen, so wird dennoch bereits Neuroplastizität gefördert. Der Zustand in dem Du Dich befindest und bei dem Du das zähe Gefühl von „ich komme nicht vorwärts“ hast, heißt in der Fachsprache „Synaptogenese“ und ist nichts anderes als ein Frühstadium der Neuvernetzung von Nervenzellen. Der Lernprozess ist also auch dann schon im Gange, wenn Du über Deinen Büchern noch zur Verzweiflung neigst. Die logische Schlussfolgerung ist: Allein die Tatsache, dass Du Dich mit einem neuen Thema oder Text beschäftigst und somit neues Wissen erwirbst, fördert bereits Deine Fähigkeit zu lernen. Dies nennt man Metaplastizität. Wenn Du also häufig Neues lernst, fällt Dir das Lernen an sich zunehmend leichter. 

 

Wie also können wir diese Prinzipien am besten nutzen?

 

Tipp 1: Vorbereitung 

Neuronale Aktivierung durch Augen- und kleine Bewegungsübungen sowie "Sich-Ziele-setzen" 

 

 

Wenn unser Gehirn nicht auf „go“ ist, sondern noch in einem Zustand der Ruhe und Tiefenentspannung, dann weiss das System auch nicht, dass es gleich neue Informationen aufnehmen und abspeichern muss. Die Aktivierung erfolgt dabei auf zwei Ebenen. Mache Dir daraus ein Ritual:

1.       Laufe 3x 8 Sekunden auf der Stelle. Damit kurbelst Du den Kreislauf an und sorgst für Sauerstoff im Gehirn
2.       Nehme einen Stift und halte ihn ca. 20cm von Deinen Augen entfernt. Fahre nun einen Kreis ab (einmal links einmal rechts rum) und schaue mit den Augen auf den Stift. Der Kopf bewegt sich dabei nicht. So werden alle wichtigen Bereiche im Gehirn durch die Augen aktiviert. Du bekommst so z.B. besser Zugang zu Deinem visuellen Speicher
3.       Setze Dir eine genaue Zeit in der Du lernen willst und setze Dir realistische Lernziele: z.B. „Ich will in den nächsten 45 min den Ablauf der Photosynthese verstanden haben“ oder „Ich will in den nächsten 30min 15 neue Vokabeln eingeprägt haben.“
4.       Setze Dir für jedes erreichte Ziel eine Belohnung. Dieser Trick ist ein mächtiger Verbündeter im Kampf gegen die Lernmonster. Wenn du dir ein Ziel setzt und deine Belohnung erreichst, schüttet dein Gehirn einen chemischen Cocktail aus der dir die Message vermittelt: „Das hat Spaß gemacht! Nochmal!“. Wenn du es schaffst die Anstrengung der Arbeit mit der Freude der Belohnung neuronal zu koppeln, haben sich diese Netzwerke verbunden. Dieser Belohnungskreislauf spielt auch bei Süchten z.B. nach Süßigkeiten eine Rolle und bringt dein Gehirn unbewusst dazu, dass es immer wieder diesen Stimulus erleben möchte. Wieso sollten wir diesen Mechanismus nicht auch für unseren Lernerfolg nutzen?

 

 

 

 

 

Aktiviere Deinen Gedankenparkplatz

Lege ein leeres Blatt Papier neben deinen Arbeitsplatz auf dem störende Gedanken kurz notiert werden und Dich so nicht mehr während des Lernens belästigen. Durch die Linse des Gehirns gesehen verbrauchen alle Stressoren, also vor allem Gedanken die dich während des Lernens ablenken eine Menge Speicherplatz. Je mehr Stressoren dein Gehirn bewältigen muss desto weniger wirst du dich auf dein eigentliches Ziel konzentrieren können. Deine mentale Speicherkapazität ist also ebenso begrenzt wie deine kognitive Lernenergie. Du solltest also sorgsam mit deinen Ressourcen umgehen!

 

Tipp 2: Einschwingen

Jede Gitarre muss vor dem Konzert gestimmt werden. Auch Dein Gehirn muss sich erstmal „einschwingen“.

Verbinde das Gelernte mit Bekanntem (aktiviere Dein Wissensnetz):

Fremdsprachen: Neue Vokabeln in Satz einbauen

Physik: Wie wird Wärme übertragen? Ich weiß vielleicht schon wie Schall übertragen wird J

BWL: Produktlebenszyklus – warum heißt es Zyklus? Was weiß ich schon über dieses Themenfeld?

In dieser WarmUp Phase werden in deinem Gehirn schlummernde Kreisläufe aufgeweckt. Wie in der Einleitung bereits beschrieben werden ja schon kurz nach dem eigentlichen Anfang einer Aufgabe neuroplastische Vorgänge ausgeführt. Du kennst dieses Phänomen vielleicht intuitiv: Während sich die Aufgabe am Anfang noch eher zäh anfühlt, wird nach einer Weile der konzentrierten Arbeit häufig ein dramatisch anderer Geisteszustand erreicht. Herzlichen Glückwunsch! Du bist jetzt im Flow.

 

Tipp 3: Lerne Aktiv nicht passiv

Um Lernstoff richtig aufzunehmen, reicht es nicht sich mit „ein paar Male durchlesen“ sein Gewissen zu beruhigen. Es ist ganz wichtig, dass wir das neue Wissen aktiv aufnehmen und uns noch mal erklären. Vielleicht erinnerst Du Dich an Tom’s Mind Map Technik, bei der die erstellte Mind Map zu einem Text nochmal auswendig aufgezeichnet wird. Diese direkte Selbst-Abfrage geht auch, wenn Du Dir den Text durchliest, das Buch umdrehst und Dir dann Fragen dazu stellst. Überprüfe Dich mit einem kleinen Vortrag: Wenn Du ins Stocken gerätst, dann besser nochmal prüfen!

Gehirne sehnen sich nach Sinn beim Lernen um Neuroplastizität  zu maximieren. Jeder von uns weiß unbewusst, dass es schwer bis unmöglich wird sich Lernstoff zu merken der sinnlos erscheint. Dein Gehirn verschwendet einfach nicht gerne Energie für scheinbar nutzlose Aufgaben.

 

Tipp 4: Lernen mit Merktechniken

Präge Dir den Stoff mit Merktechniken ein (Loci, Visuelle Eselsbrücken, mache Dir einen Film!)

Male Dir Prozesse auf! Werde so kreativ wie möglich! Male Dir z.B. auch Vokabeln auf und hänge sie Dir in Dein Zimmer.

 

Tipp 5: Gehirnknöpfe auf „go“

Vor dem Lernen hast Du bereits eine Neuroaktivierung gemacht durch das Ritual. Während des Lernens ist wichtig ausreichend Wasser zu trinken und nicht mit Hunger zu lernen. Das Gehirn braucht Nährstoffe. Studentenfutter z.B. liefert ausreichend Gehirnnahrung. Öffne Dein Fenster und lass Sauerstoff rein.

 

Tipp 6: Belohnen

 

Schau Dir an, was Du geschafft hast und stell Dir ganz gezielt die Frage: „Was genau weiß ich jetzt was ich vorher nicht wusste?“. Mindestens genauso wichtig wie das Arbeiten selbst ist die Entspannung danachJ.  Tu Dir was Gutes und genieße das wunderbare Gefühl etwas geschafft zu haben!