Die sieben Lernebenen - stufenweise zur erfolgreichen Prüfung

Lernen ist ein Prozess, der immer auf mehreren Ebenen gleichzeitig stattfindet. Diese können keinesfalls getrennt voneinander betrachtet werden – vor allem dann nicht, wenn wir es mit Lern- und Prüfungsblockaden zu tun haben. Bei schlechten Noten neigen wir häufig dazu die bloßen Fähigkeiten oder die Motivation in Frage zu stellen: „Hast Du es nicht verstanden?“ „Na, nicht genug gelernt?“ – so lauten die üblichen Sprüche, die man sich als Schüler häufig anhören musste.

Was aber ist, wenn wir wirklich zielstrebig und motiviert gelernt haben?  Wenn der Stoff vor der Prüfung sicher saß und wir in der Prüfung mit plötzlichen Ängsten und Blackouts zu kämpfen haben?

Robert Dilts, ein bekannter Trainer und Coach, hat ein Konzept entworfen, welches die verschiedenen Ebenen menschlicher Erfahrung darstellt. Dieses Konzept möchte ich nun auf das Lernen übertragen und Dir ein Selbst-Coaching-Tool an die Hand geben, womit Du Deinen Lernerfolg steuern kannst.

Wir können uns diese Ebenen als Pyramide vorstellen.  

1.     Umgebung – das „Wo“

Menschliche Erfahrung ist immer im Kontext von dem zu betrachten, was wir in jenen Momenten wahrnehmen. Da Wahrnehmung über die Sinne (sehen, hören, riechen, schmecken, tasten) geht, befinden wir uns in positiven oder negativen Situationen entweder in fördernden oder hemmenden Umgebungen. Ganz typisch ist z.B. eine Lernumgebung in der wir uns nicht wohlfühlen oder ständig gestört werden. Manchmal ist es ein Geruch, der uns an unangenehme Situationen erinnert, manchmal lenken uns nur die Flyer auf dem Schreibtisch ab. Geräuschkulissen und Lärm können hier ebenfalls eingeordnet werden. Liegt hier die Ursache für z.B. Konzentrationsmangel müssen wir uns die Frage stellen:

  • Was in meiner Umgebung (was ich sehe, höre, etc.) blockiert mich?
  • Was kann ich ändern, damit ich mich auf dieser Ebene wohl fühle und konzentriert bin?

1.     Verhalten  - das „Wie“

Die zweite Ebene beschreibt das eigentliche Verhalten in der Stress- oder Prüfungssituation und das Handeln im Lernprozess. Hier lautet die Frage: „Was genau tust Du?“

Häufig ist uns dies gar nicht so bewusst. Es lohnt sich genau unter die Lupe zu nehmen wie wir uns verhalten und wie hier eventuelle Blockaden entstehen oder gefördert werden. Der Schlüssel ist Selbstbeobachtung:

  • Wie genau sitze ich? (z.B. aufrecht, gebeugt, mit oder ohne Bewegungsfreiheit)
  • Wie ist meine Atmung? (z.B. schnell, langsam, ruhig)
  • Wie oft stehe ich vom Schreibtisch auf oder schaue aus dem Fenster?

Anhand dieser Fragen kannst Du Dir klar machen, ob Du Dich in der Situation konzentriert, ruhig, gelassen, entspannt oder nervös, ängstlich und angespannt verhältst. Da aus den Neurowissenschaften längst bekannt ist, wie die Körperhaltung auf unseren Gefühlszustand wirkt, können wir intervenieren, indem wir trainieren uns so zu verhalten, wie wir es in einem entspannten, konzentrierten Zustand tun. Du kannst dazu Dich und andere beobachten und schauen welche Gefühle und Gedanken Dir bei den verschiedenen Handlungs- und Verhaltensweisen aufkommen.

1.     Fähigkeiten – das „Können“

Auf dieser Ebene betreten wir das Feld unserer Kompetenzen. Diese Ebene ist wichtig und wird bei Lernblockaden meist als erstes untersucht. Haben Schüler z.B. Schwierigkeiten in Mathe wird geschaut, ob bestimmte Rechenwege schon im Kompetenzbereich des Schülers liegen.

  • Kann ich den Lernstoff wiedergeben (habe ich alle dazu notwendigen Fähigkeiten verinnerlicht – z.B. Textverständnis, Gliederung, Formulierungen)?
  • Bin ich in der Lage mir Dinge und Informationen richtig zu merken?
  • Weiß ich warum und wie ich jenen Rechenweg durchführe?

Die Liste an Fragen kann hier beliebig erweitert werden. Zentral ist immer das „Können“:

  • Welche Fähigkeiten und Kompetenzen brauche ich (bzw. habe ich schon oder eben nicht gelernt) um die Aufgaben angehen zu können?

1.     Werte – die „Beurteilung“

Insbesondere bei Prüfungsängsten stelle ich immer wieder fest, dass diese Ebene die ausschlaggebende ist. Wenn ich eine bestimmte Note anstrebe und mir keinen Raum für Fehler oder eine Abweichung von dieser Note lasse, entstehen Ängste, Stress und Druck. Das Gehirn läuft im „Säbelzahntiger- Modus“ - sprich wir sind nicht mehr in der Lage unser Potenzial abzurufen. Wenn wir uns auf dieser Ebene unsere Beurteilungen hinsichtlich einer Prüfung oder Bewertungssituation anschauen, bekommen wir Klarheit und können diese Bewertungen lockern.

Es hilft, wenn Du Dir rationale Argumente gegen Deine Angst setzt.  Viele Studierende oder Schüler überdramatisieren die Vorstellung von der Prüfungssituation und malen sich ein bildreiches Horrorszenario aus, bei dem sie fühlen, dass sie diesem nicht gewachsen sind. Doch diese Situation hält einer rationalen Betrachtungsweise oft nicht stand. Frag Dich deshalb:

  • Welchen Stellenwert hat diese Prüfung/ Klausur/ Arbeit für mich?
  • Wie wirkt sich das Ergebnis auf meine Laufbahn aus? Welche Möglichkeiten gibt es durch Alternativen zu punkten? Die Prüfung zu wiederholen, etc.?
  • Welche Stimmen urteilen wie? („Bestimmt läuft alles schief“, „Ich bekomme eh einen Blackout“) – wie kann ich diesen Stimmen entgegenwirken? („Ich habe gelernt und gebe mein Bestes – mehr kann ich nicht tun.“)
  • Wer oder was übt zusätzlich Druck auf mich aus (bei Schülern auch oft Eltern, Lehrer, unbewusstes Konkurrieren mit Mit-Schülern und Studierenden – hier helfen nur Gespräche!)

Ich habe sehr häufig beobachtet, dass wenn auf dieser Ebene Stresssituationen anders bewertet werden, ein Umdenken und vor allem Umfühlen stattfindet. Der Kopf ist befreiter und der Zugang zum Lernstoff wieder gesichert.

Identität – das „Wer bin ich?“

Wenn wir uns die Frage „Wer bin ich?“ bezogen auf das Lernen stellen, kommen wir an unser Identitätsgefühl und unsere Wahrnehmung bezogen auf den Lernprozess heran. Unsere Identität setzt sich zusammen aus dem was wir über uns selbst denken und das, was (wir meinen) andere in uns sehen. Wenn wir der festen Überzeugung sind, dass wir kein guter Lerner sind und auch nie einer sein können, dann finden wir auf der Identitätsebene eine Blockade, die uns einschränkt.

Nützlich ist es das „Ich-Gefühl“ bezogen auf das Lernen zu beleuchten:

  • Was denke ich über mich selbst?
  • Sehe ich mich als jemand der in der Lage ist die Aufgaben zu bewältigen oder nicht?

Treten hier Blockaden auf,  kann es sehr hilfreich sein einen Coach aufzusuchen und auf Ressourcen-Suche zu gehen. Jeder von uns trägt Stärken und positive Erfahrungen in sich. Doch sind uns diese bewusst? Können wir diese für uns und unser Lernen einsetzen?

Ziel – das „Warum?“

Die sozusagen „höchste“ Ebene – auch wenn sich das Modell nicht ganz so hierarchisch betrachten lässt, da alle Ebenen miteinander verbunden sind – ist die Ebene des Ziels, bzw. die der eigenen Mission. Hier laufen manchmal unbewusst Konflikte ab, die das Lernen stören können. Ist z.B. die Ausbildung, das Studium, etc. wirklich im Einklang mit dem was ich will? Oder mache ich das was ich tue vielleicht sogar für jemand anderen? Kläre auf dieser Ebene, was Deine Mission ist:

  • Was möchte ich bewirken?
  • Warum tue ich das was ich tue?
  • In welchem höheren Kontext steht das was ich tue?

Die eigene Lebens-Vision zu durchleuchten ist hier sehr hilfreich und kann im Selbstcoaching oder auch mit Hilfe eines Coaches manchmal völlig neue Perspektiven aufzeigen.